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Über die Hügel der Westpfalz weht ein stürmischer Wind, der schon den Herbst in sich trägt. Die Felder auf der Hochebene zwischen Kollweiler und Rothselberg sind längst abgeerntet. Der Blick reicht weit ins Land. Ein paar Kühe auf der Weide lassen sich von der ungewohnten Menschenansammlung und dem Lärm der Autos und Lastwagen nicht stören. Der Kampfmittelräumdienst der Bundeswehr, Munitionsexperten der Polizei und amerikanische Soldaten der Air Force haben sich an diesem kühlen Vormittag eingefunden, um ein deutsches Jagdflugzeug aus dem Zweiten Weltkrieg zu bergen.
Vorsichtig wühlt sich die Schaufel des Baggers in die umgepflügte Erde des Ackers. „Wir wissen nie genau, was wir finden", sagt Uwe Benkel, der zusammen mit Otto Schmitt das Ausgraben von Fliegern zu seinem ungewöhnlichen Hobby erklärt hat. 54 Maschinen haben sie bereits zusammen aufgespürt und manches Pilotenschicksal dabei geklärt. Sie haben Leichenteile gefunden, die auch nach fünf Jahrzehnten nicht verwest waren, „sondern vom Flugzeugbenzin konserviert worden sind", so Otto Schmitt.
Nach 20 Minuten fördert der Bagger einen abgebrochenen, stark angerosteten Propellerflügel aus anderthalb Meter Tiefe zutage. Kurze Zeit später folgt ein Maschinengewehr und der Motorblock, ein Zwölfzylinder von Daimler Benz. Dann müssen die paar Neugierigen das Feld räumen, Munition verbirgt sich im aufgewühlten Erdreich. Doch gleich darauf kommt die Entwarnung: „Die geht nicht mehr hoch". Insgesamt ist die Materialausbeute eher mager, aber das ist nicht alles, was zählt. Manches tragische Ende eines Kampfes konnte so schon rekonstruiert und mancher vermißte Pilot gefunden werden.
Am 14. Januar 1945 tobte eine Luftschlacht zwischen deutschen und amerikanischen Jagdverbänden über dem Großraum von Kaiserslautern. Der deutsche Gefechtsverband bestand aus fünf Staffeln. 19 Jahre jung ist Fähnrich Schade, der Pilot der Messerschmitt Me Bf G14, als er in das Kampfgetümmel gerät. Der Treffer erwischt ihn über Rothselberg. Er versucht noch, sich mit dem Fallschirm zu retten, doch die Maschine fliegt bereits zu tief, der gut aussehende junge Mann aus Sternberg in der Altmark wird tödlich verletzt. Seine letzte Ruhe findet er in der Pfalz auf dem Friedhof der Gemeinde, weit entfernt von seiner Heimat.
„Es war ein eiskalter Wintertag, keine Wolke am Himmel", erinnert sich Theo Nau, Staffelkamerad und Freund des Gefallenen. Auch er wurde am selben Tag, fast zur gleichen Zeit, über Kindsbach abgeschossen. Doch der heute fast Siebzigjährige hatte mehr Glück im Unglück als sein Gefährte. Ein Stück Geschichte wird lebendig, als er von seinem Einsatz erzählt. Er schildert die Übermacht des Feindes und den Treffer, den er selbst landen konnte. „Doch plötzlich waren vier andere hinter mir her, und dann hat es gerappelt". Er wirft die Kabine ab und springt hinaus. Dabei bleibt er mit dem rechten Arm im Triebwerk hängen und verletzt sich schwer. Es gelingt ihm trotzdem noch, die Reißleine des Fallschirms zu ziehen. „Und dann waren unter mir nur noch Bäume und Schnee". Er wird gefunden und medizinisch versorgt. Ein General der Artillerie kümmert sich persönlich um ihn. Für den Brief, den der Vorgesetzte an seine Mutter schreibt, ist Nau heute noch dankbar: „Ihr Junge sitzt wohlbehalten vor mir. Ist vor zwei Stunden aus 800 Meter abgesprungen, ging tadellos. Hat sich nur den rechten Oberarm gebrochen." Tröstliche Worte, auf die die Mutter von Fähnrich Schade verzichten mußte.
Fünfzig Jahre später steht Theo Nau am Grab des früheren Freundes auf dem kleinen Dorffriedhof. Der Wind fährt in die Baumkronen, Blätter rieseln auf den schmucklosen Stein. Selten wohl wurde dem in der Gemeinde unbekannten Soldaten so viel Aufmerksamkeit zuteil. Ein komisches Gefühl in der Magengrube sei das, umschreibt der frühere Pilot Nau seine Rührung. Amerikanische Soldaten halten währenddessen seine innere Bewegung mit der Kamera fest.
Im Raum Kaiserslautern und Kusel werden noch ein deutscher und zwei amerikanische Piloten vermißt. Eine weitere Herausforderung für Uwe Benkel und Otto Schmitt, die für alle Hinweise aus der Bevölkerung dankbar sind. Langwierige Recherchen sind meist notwendig, bis sich die Puzzleteile zu einem Ganzen fügen. Anfragen bei verschiedenen Behörden sind notwendig, um die Genehmigung zur Bergung einer Maschine zu erhalten. Die private Initiative ist auf Spenden angewiesen. Aber auch erhebliche Mittel aus der eigenen Tasche müßten lockergemacht werden, betonen die Verantwortlichen, die mit dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge zusammenarbeiten.
Nach zwei Stunden ist der ganze Spuk vorbei. Der Bagger schaufelt die Erdhaufen zurück an ihren Platz. Der Lastwagen transportiert die gefundenen Reste zu einem Zwischenlager, in dem sie gereinigt und ausgewertet werden. Wichtige Funde bleiben der Nachwelt in einem Armeemuseum erhalten. Während sich der Laster mit durchdrehenden Rädern aus dem Feld quält, schwebt über unseren Köpfen eine Passagiermaschine im Steigflug von Ramstein aus in den wolkenverhangenen Himmel. Schwerelos leicht und elegant zieht sie davon. Die Insassen ahnen nicht, daß ein halbes Jahrhundert zuvor ein junger Soldat seine Liebe zum Fliegen an dieser Stelle mit dem Leben bezahlt hat.
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„Hier ruht unser Jüngster, Fähnrich Wolfgang Schade." Die Inschrift auf dem Grabstein erinnert an den 19-jährigen Piloten, der am 14. Januar 1945 bei den Luftkämpfen über der Westpfalz nicht überlebte. Der junge Fähnrich wurde damals auf dem Friedhof in Rothselberg beigesetzt. Die Überreste seiner Messerschmitt Me 109 G wurden gestern auf einem Acker nahe Rothselberg geborgen.
Um 10 Uhr gestern vormittag rückten der Kampfmittelräumdienst und ein Bagger an. Otto Schmitt aus Guldenthal hatte die Absturzstelle des Jagdflugzeugs genau ermittelt. Knapp drei Meter tief mußte sich die Baggerschaufel in das weiche Erdreich graben, dann förderte sie die Überreste der ME 109 zutage. Allzuviel übriggeblieben ist nach mehr als 30 Jahren allerdings nicht. Doch immerhin brachte der Bagger den verrotteten Motor der 1600 PS starken Maschine ans Licht, zudem ein überschweres Maschinengewehr und Munitionsteile. In knapp zwei Stunden war die Aktion abgeschlossen. Uwe Benkel war dennoch zufrieden. Er ist der Initiator der Bergung. Anfang dieses Jahres erhielt er einen Hinweis auf den Absturz des Jagdflugzeugs bei Rothselberg. Er hat sich zur Aufgabe gemacht, Überreste abgeschossener Militärmaschinen zu bergen.
Und so hat nach mehr als 30 Jahren auch der damalige Staffelkamerad Theo Nau vom Schicksal seines Freundes Schade erfahren und war nach Rothselberg gereist, um die Bergung mitzuerleben. Nau wurde am gleichen Tag, beim gleichen Einsatz abgeschossen, konnte sich aber mit dem Fallschirm retten. Das Flugzeug, das er und sein Kamerad damals flogen, kennt Nau noch bis ins Detail. Geborgene Teile identifizierte er sofort. Der Motor der Me 109 wird nun von Otto Schmitt gereinigt und der Luftwaffe zur Verfügung gestellt. Möglicherweise landet das Fragment in einem Museum. Seit 1989 gräbt Benkel mit seinen Kollegen Otto Schmitt, Edwin Hess und Georg Zimmermann nach verschollenen Flugzeugen. Mehrere wurden bereits geborgen. Mit Akribie spürt Benkel den Schicksalen ehemaliger Piloten des Zweiten Weltkrieges nach, nicht nur deutschen.
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Allzu viel war nach 50 Jahren von der Me 109 G-14 nicht mehr zu finden. Nur noch Reste des Motors DB 605, eines der überschweren MG's und ein paar Kleinteile förderte der Bagger aus etwa zwei Metern Tiefe zu Tage in den letzten Septembertagen dieses Jahres am Ortsrand von Rothselberg in der Westpfalz.
Fähnrich Wolfgang Schade und ich hatten unsere fliegerische Ausbildung zusammen auf der LKS 4 in Fürstenfeldbruck begonnen. Über die Ergänzungsgruppe West in Stargard kamen wir gemeinsam zur 7. Staffel der II./JG 11. Am 14. Januar 1945 starteten wir mit mehreren Staffeln von unserem kleinen Feldflugplatz Zellhausen bei Seligenstadt. Im Raum Ludwigshafen-Kaiserslautern bekamen wir in Höhe von etwa 5000 Metern Feindberührung. Es war ein klarer, kalter Wintertag, ohne jegliche Bewölkung. Nur „Thunderbolts" gab es mehr als genug. Es entwickelten sich sofort verbissene Luftkämpfe, in deren Verlauf sowohl Wolfgang Schade als auch ich abgeschossen wurden.
Während ich mich mit dem Fallschirm retten konnte, gelang dies meinem Freund und Fliegerkameraden Wolfgang nicht mehr. Seine Maschine schlug ca. 300 Meter vom Ortsrand von Rothselberg entfernt, auf dem hart gefrorenen Erdboden auf. Ein Augenzeuge berichtete mir jetzt bei der Bergung, daß der Flugzeugführer mit schweren Verbrennungen tot nahe seiner Maschine gelegen habe. An Hand der nicht verbrannten Papiere (Frontflugausweis) konnte er sofort identifiziert werden. Er fand seine letzte Ruhestätte auf dem Friedhof der Gemeinde Rothselberg.
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